Wer in Europa Kino macht, kämpft auf vielen Bühnen gleichzeitig. Neben internationalen Wettbewerben wie Cannes oder dem Europäischen Filmpreis, der sich klar vom LUX-Preis unterscheidet, sind es die nationalen Auszeichnungen, die im eigenen Land Karrieren prägen, Budgets sichern und das Publikum in die Kinos locken. César, Goya, Deutscher Filmpreis – hinter diesen Namen stecken Jahrzehnte Filmgeschichte, Branchenrituale und manchmal heftige Debatten. Dieser Artikel nimmt fünf der bedeutendsten nationalen Filmpreise Europas unter die Lupe: Was zeichnet sie aus, wie sind sie entstanden, und welche Rolle spielen sie für die jeweilige Filmkultur?
Der César – Frankreichs goldene Antwort auf den Oscar
Der César ist Frankreichs wichtigster nationaler Filmpreis und wird seit 1976 von der Académie des Arts et Techniques du Cinéma verliehen. Der Name geht auf den südfranzösischen Bildhauer César Baldaccini zurück, der die charakteristische Statuette entworfen hat – ein zusammengepresstes Stück Metall, das absichtlich nichts mit dem glatten Oscar-Ästhetizismus gemein haben soll. Die Verleihung findet jedes Jahr im Februar statt, traditionell im Théâtre du Châtelet oder der Salle Pleyel in Paris, und wird live im französischen Fernsehen übertragen.
Rund 4.500 Mitglieder der Académie stimmen über die Gewinner ab – Schauspielerinnen, Regisseure, Techniker, Produzenten. Das sorgt für ein breit gefächertes Meinungsbild, bringt aber auch immer wieder Diskussionen mit sich. Berühmt-berüchtigt wurde die Verleihung 2020, als Roman Polański in Abwesenheit als bester Regisseur ausgezeichnet wurde und es zu lautstarken Protesten im Saal kam. Adèle Haenel verließ die Zeremonie demonstrativ. Dieser Moment zeigte, wie politisch aufgeladen ein nationaler Filmpreis werden kann.
Kategorien gibt es rund 22, darunter neben den üblichen Sparten auch Preise für besten animierten Kurzfilm und bestes Filmplakat. Für das französische Kino, das tief im Erbe der Nouvelle Vague verwurzelt ist, ist der César nicht nur ein Branchenpreis, sondern ein kulturpolitisches Instrument: Wer ihn gewinnt, bekommt Verleihsupport, Medienpräsenz und oft auch staatliche Fördergelder leichter.
Der Goya – Spaniens Filmkultur im Scheinwerferlicht
Der Goya wird seit 1987 von der Academia de las Artes y las Ciencias Cinematográficas de España verliehen. Der Name ehrt den aragonesischen Maler Francisco de Goya, und die Statuette zeigt das Profil des Künstlers. Mit über 28 Kategorien ist er der umfangreichste Preis dieser fünf im Vergleich. Abgestimmt wird ausschließlich von den rund 1.500 Mitgliedern der Akademie – ein kleinerer, aber fachlich homogenerer Kreis als beim César.
Pedro Almodóvar hat den Goya so oft gewonnen, dass seine Namensliste auf der Preistafel einem eigenen Kapitel gleicht. Für den spanischen Film ist die Auszeichnung eine wichtige Brücke zwischen kommerziell erfolgreichen Produktionen und dem Arthouse-Segment. Besonders interessant: Seit einigen Jahren wird auch ein Ehren-Goya an internationale Persönlichkeiten vergeben, die das spanische Kino wesentlich geprägt haben – 2022 ging er an Jane Fonda.
Die Goya-Verleihung wird als große Gala zelebriert, häufig mit politischen Statements der Preisträger. Das spanische Kino kämpft dabei regelmäßig mit der Dominanz US-amerikanischer Produktionen im heimischen Markt, und der Goya fungiert als sichtbares Gegengewicht – als Zeichen, dass das nationale Kino lebt und die öffentliche Aufmerksamkeit verdient.
Der Deutsche Filmpreis – Prestige und Subvention in einem
Der Deutsche Filmpreis, auch „Lola" genannt nach der Figur aus „Lola rennt", ist die bedeutendste nationale Auszeichnung für den deutschen Film. Er wird von der Deutschen Filmakademie vergeben, die 2003 gegründet wurde und heute über 2.200 Mitglieder zählt. Was den Deutschen Filmpreis von fast allen anderen nationalen Preisen weltweit unterscheidet: Er ist direkt mit staatlicher Förderung verknüpft.
Der Preisträger in der Kategorie „Bester Spielfilm" erhält eine Prämie von bis zu 500.000 Euro aus dem Bundeshaushalt – zweckgebunden für die Produktion des nächsten Films. Das macht die Lola weniger zu einem reinen Ehrenpreis als zu einem handfesten Wirtschaftsinstrument der Kulturpolitik. Silber und Bronze sind ebenfalls dotiert, mit 350.000 beziehungsweise 250.000 Euro.
Kritiker bemängeln gelegentlich, dass diese Verknüpfung von Preis und Prämie dazu verleite, „safe" Produktionen zu bevorzugen, die breit konsensfähig sind. Dennoch haben auch mutige Werke wie „Toni Erdmann" (2016) oder „Lore" (2012) die Lola gewonnen – Filme, die international beachtete Spuren hinterlassen haben. Die Verleihung findet jährlich im Frühjahr in Berlin statt und wird vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien unterstützt.
Der BAFTA – Großbritanniens einflussreichster Filmpreis
Die British Academy of Film and Television Arts verleiht seit 1948 den BAFTA Film Award. Mit über 8.000 Mitgliedern ist die BAFTA eine der größten Filmorganisationen Europas und ihre Preisverleihung zählt international zu den wichtigsten Stationen auf dem sogenannten „Awards Circuit" – dem Preis-Kalender, der in den Oscar mündet. Wer beim BAFTA gewinnt, hat statistisch gesehen gute Chancen, auch in Los Angeles zu triumphieren.
Großbritannien hat in den letzten Jahren aktiv daran gearbeitet, die Diversität der BAFTA-Abstimmenden zu erhöhen. Nach der #OscarsSoWhite-Debatte und ähnlichen Diskussionen in London führte die Akademie 2021 umfangreiche Reformen ein: neue Mitgliedergruppen, veränderte Abstimmungsregeln, stärkere Berücksichtigung britischer Produktionen. Erste Wirkungen zeigten sich schnell – die Shortlists wurden merklich vielfältiger.
Bemerkenswert ist auch die Kategorie „Outstanding British Film", die explizit britische Co-Produktionen und inländische Stoffe prämiert. Sie schafft einen Schutzraum für das nationale Kino gegenüber Hollywood-Produktionen, die generell bei den BAFTA Awards mitkandidieren können. Das unterscheidet den BAFTA strukturell von César, Goya und Deutschem Filmpreis, die ausschließlich nationale oder ko-produzierte Werke in den Hauptkategorien zulassen.
Der David di Donatello – Italiens traditionsreichste Filmauszeichnung
Der David di Donatello ist nach der berühmten Bronzestatue des Florentiner Bildhauers Donatello benannt und wird seit 1956 von der Accademia del Cinema Italiano vergeben. Er ist damit der älteste der hier besprochenen Preise und einer der ältesten nationalen Filmpreise Europas überhaupt. In der Blütezeit des italienischen Kinos – den 1960er- und 1970er-Jahren – war er eng mit Namen wie Federico Fellini, Luchino Visconti und Bernardo Bertolucci verbunden.
Heute kämpft der David di Donatello mit dem strukturellen Problem vieler südeuropäischer Filmindustrien: einem vergleichsweise kleinen Markt, begrenzten Förderbudgets und starker US-Konkurrenz. Dennoch hat das italienische Kino in den letzten Jahren international aufgeholt – nicht zuletzt dank Regisseurinnen wie Alice Rohrwacher und Produktionen wie „La grande bellezza" (Bester fremdsprachiger Film, Oscar 2014). Der David di Donatello begleitete diese Erfolge als nationale Bühne.
Die Abstimmenden sind die rund 2.000 Mitglieder der Accademia, und es gibt etwa 27 Kategorien. Interessant ist die Kategorie „Migliore film straniero in Italia" – bester ausländischer Film in Italien –, die dem Preis eine komparative, internationale Dimension verleiht, die bei César oder Goya so nicht existiert.
Fünf Preise im direkten Vergleich
Jeder dieser Preise reflektiert das jeweilige Filmsystem seines Landes. Ein kurzer Überblick zeigt die wichtigsten strukturellen Unterschiede:
- César (Frankreich): Gegründet 1976, ca. 4.500 Abstimmende, 22 Kategorien, kulturpolitisch bedeutsam, keine direkte Geldprämie für Hauptkategorie.
- Goya (Spanien): Gegründet 1987, ca. 1.500 Abstimmende, 28+ Kategorien, starke Gala-Kultur, Ehren-Goya für internationale Figuren.
- Deutscher Filmpreis/Lola (Deutschland): Gegründet 1951 (neue Struktur 2003), ca. 2.200 Abstimmende, direkte Subvention von bis zu 500.000 Euro für den Gewinnerfilm.
- BAFTA (Großbritannien): Gegründet 1948, ca. 8.000 Mitglieder, internationaler Einfluss auf den Oscar-Zyklus, eigene Kategorie für britische Filme.
- David di Donatello (Italien): Gegründet 1956, ca. 2.000 Abstimmende, 27 Kategorien, traditionsreichster der fünf Preise, Kategorie für besten ausländischen Film in Italien.
„Ein nationaler Filmpreis ist immer auch ein Spiegel der Gesellschaft, die ihn vergibt – mit all ihren Widersprüchen, blinden Flecken und Sternstunden."
Was alle fünf Preise verbindet: Sie dienen nicht nur der Ehrung einzelner Werke, sondern fungieren als Markierungspunkte für die Gesundheit einer nationalen Filmkultur. Staatliche Subventionen, Filmakademien und Festivalstrategien hängen oft direkt mit dem Renommee zusammen, das ein Preis aufgebaut hat. Wer in Europa Filmförderung beantragen will, kann sich durch einen nationalen Preis erheblich verbesserte Chancen erarbeiten – unabhängig davon, ob man in Paris, Madrid, Berlin, London oder Rom dreht.
Die Unterschiede in Struktur und Reichweite sind dabei lehrreich: Der BAFTA schaut weit über die Landesgrenzen hinaus, der Deutsche Filmpreis ist ein handfestes Wirtschaftsinstrument, der César kämpft mit politischen Verwerfungen, der Goya pflegt eine starke Gala-Identität, und der David di Donatello zehrt von einer Kinogeschichte, die das Weltkino geprägt hat. Für alle, die sich tiefer mit der europäischen Filmpreislandschaft beschäftigen möchten, lohnt sich der Blick auf die supranationalen Alternativen – etwa die Frage, welcher europäische Filmpreis wirklich die größte Strahlkraft besitzt.