
EFA vs. LUX: Welcher Preis zählt wirklich in Europa?
Zwei Preise dominieren die Debatte um das europäische Kino: die European Film Awards (EFA), verliehen von der European Film Academy, und der LUX-Filmpreis, ein Gemeinschaftsprojekt des Europäischen Parlaments und der European Film Academy. Beide tragen das Adjektiv „europäisch" im Selbstverständnis, doch ihre Philosophien, Auswahlprozesse und Wirkungsradien könnten kaum unterschiedlicher sein. Wer sich ernsthaft mit dem europäischen Filmschaffen beschäftigt – ob als Branchenkenner, Kinoenthusiast oder Kulturpolitiker – kommt um diesen Vergleich nicht herum.
Entstehung und institutioneller Hintergrund
Die European Film Awards wurden 1988 ins Leben gerufen, auf Initiative des schwedischen Regisseurs Ingmar Bergman und einer Gruppe europäischer Filmschaffender. Ziel war es, ein Gegenstück zu den Hollywood-dominierten Oscars zu schaffen – ein Forum, das die künstlerische Vielfalt Europas sichtbar macht. Die Verleihung findet abwechselnd in verschiedenen europäischen Städten statt und hat sich in über drei Jahrzehnten als feste Größe im Filmkalender etabliert.
Der LUX-Filmpreis hingegen ist ein Kind des 21. Jahrhunderts: Seit 2007 vergab das Europäische Parlament diesen Preis gemeinsam mit der European Film Academy. Nach einer Neustrukturierung im Jahr 2020 übernahm die EFA die alleinige Verantwortung, während das Europäische Parlament als institutioneller Partner weiterhin eine tragende Rolle spielte. Das erklärt, warum der LUX-Preis von Beginn an einen explizit politisch-gesellschaftlichen Anspruch hatte – er sollte Filme fördern, die europäische Werte und gesellschaftliche Debatten widerspiegeln. Mehr über die institutionellen Hintergründe erklärt unser Beitrag Der LUX-Filmpreis: Wie das EU-Parlament Kino fördert.
Der Unterschied im Gründungsimpuls ist bis heute spürbar: Während die EFA aus der Filmbranche heraus entstand und primär künstlerische Exzellenz würdigt, wurde der LUX-Filmpreis von einer politischen Institution mitinitiiert – mit allen Vor- und Nachteilen, die das mit sich bringt.
Auswahlverfahren: Wer entscheidet, und wie?
Bei den EFA liegt die Entscheidungsmacht bei den Mitgliedern der European Film Academy – einem Netzwerk aus rund 4.500 europäischen Filmschaffenden, darunter Regisseure, Produzenten, Schauspieler, Kameraleute und Kritiker. Dieses Gremium nominiert und wählt in einem mehrstufigen Prozess: Zunächst erstellt eine Auswahl-Jury eine Longlist, aus der die Mitglieder die Nominierten bestimmen; die endgültigen Gewinner werden wiederum per Abstimmung aller stimmberechtigten Mitglieder ermittelt. Das verleiht dem Preis eine breite Legitimation innerhalb der Filmbranche selbst.
Beim LUX-Preis war das Verfahren traditionell komplexer und demokratisch anders strukturiert: Die rund 705 Abgeordneten des Europäischen Parlaments stimmten gemeinsam mit EFA-Mitgliedern ab. Das bedeutete, dass Parlamentarierinnen und Parlamentarier, deren Expertise primär in der Politik liegt, maßgeblich über Filmpreise entschieden. Kritiker sahen darin eine Vermischung von Kulturbetrieb und politischem Apparat; Befürworter betonten, dass gerade dieser Mechanismus die gesellschaftliche Reichweite der nominierten Filme vergrößerte.
Nach der Reform 2020 wurde das Abstimmungsverfahren grundlegend überarbeitet. Seither spielen EFA-Mitglieder eine deutlich gewichtigere Rolle, während die parlamentarische Komponente reduziert wurde. Der Preis blieb dennoch dem Kerngedanken treu: Filme auszuzeichnen, die europäische Gesellschaften bewegen und Brücken zwischen Kulturen bauen.
Kriterien und filmische Schwerpunkte
Die EFA deckt das gesamte Spektrum filmischer Kategorien ab – von Bester Film und Bester Regie über Darstellerpreise bis hin zu Dokumentarfilm, Kurzfilm und Animation. Die Kriterien orientieren sich primär an cineastischer Qualität: Drehbuch, Inszenierung, darstellerische Leistung, visuelle Sprache. Gesellschaftliche Relevanz ist kein explizites Auswahlkriterium, wenngleich europäische Filmproduktionen erfahrungsgemäß häufig gesellschaftspolitische Themen aufgreifen.
Der LUX-Filmpreis hingegen definiert seine Kriterien deutlich spezifischer. Prämiert werden Spielfilme, die:
- europäische Werte wie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit oder Menschenwürde thematisieren
- grenzüberschreitende gesellschaftliche Debatten anstoßen oder widerspiegeln
- kulturelle Vielfalt innerhalb Europas sichtbar machen
- ein breites Publikum ansprechen – also nicht nur das Arthouse-Nischenpublikum bedienen
- von Regisseurinnen und Regisseuren aus EU-Mitgliedstaaten oder assoziierten Ländern stammen
Ein wesentlicher praktischer Vorteil des LUX-Preises: Die drei nominierten Filme werden auf Kosten des Preises in alle 24 Amtssprachen der EU untertitelt. Das ist ein konkretes kulturpolitisches Förderinstrument, das über symbolische Anerkennung weit hinausgeht. Für kleinere Produktionen aus Ländern mit geringerer Marktreichweite kann allein diese Untertitelung eine enorme Sichtbarkeitssteigerung bedeuten.
Prestige, Sichtbarkeit und Branchenwirkung
In der Filmbranche gilt die EFA als der europäische Filmpreis schlechthin. Wer bei den EFA gewinnt – insbesondere in der Kategorie Bester Europäischer Film – kann diesen Titel auf Festivalreisen und im internationalen Verleih als Qualitätssignal einsetzen. Verleiher, Programmkinos und internationale Co-Produzenten orientieren sich an EFA-Nominierungen und -Gewinnen. Der Preis hat eine Funktion, die der von nationalen Oscars vergleichbar ist: Er legitimiert einen Film im europäischen Markt.
„Der EFA-Preis ist das stärkste Aushängeschild für einen europäischen Film außerhalb der großen Festivals. Er öffnet Türen, die ohne ihn verschlossen bleiben würden." – Aussage eines anonymen europäischen Verleihers, zitiert in einer Branchenbefragung der EFA (2019)
Der LUX-Filmpreis hatte traditionell einen anderen Wirkungskreis: Er war stärker im politischen und pädagogischen Umfeld verankert. Schulen, Universitäten, Kulturzentren und Europahäuser nutzten die nominierten Filme für Bildungsprojekte und gesellschaftliche Diskussionen. Das verlieh dem Preis eine Art Multiplikatorwirkung in der Zivilgesellschaft, die über das Kinopublikum im engeren Sinne hinausging. Kino als demokratisches Medium – dieser Anspruch war beim LUX-Preis stets deutlicher artikuliert als bei der EFA.
Auffällig ist, dass viele Produktionen in der Geschichte beider Preise überlappten: Filme wie Ruben Östlunds „The Square" (EFA Bester Film 2017, zuvor Palme d'Or in Cannes) oder Pawel Pawlikowskis „Ida" wurden sowohl im EFA-Kontext diskutiert als auch beim LUX nominiert. Diese Überschneidungen zeigen, dass beide Preise im Kern dasselbe Qualitätssegment des europäischen Kinos im Blick haben – die Gewichtungen jedoch unterschiedlich setzen.
Internationale Wahrnehmung: EFA, LUX und der Rest der Welt
Außerhalb Europas ist die Bekanntheit beider Preise überschaubar – was ehrlich gesagt kein Alleinstellungsmerkmal ist. Selbst etablierte europäische Festivalpreise wie der Goldene Löwe (Venedig) oder der Große Preis der Jury (Cannes) spielen im nordamerikanischen oder asiatischen Markt eine nachrangige Rolle gegenüber dem Oscar. Dennoch lohnt die Unterscheidung: Die EFA wird in internationalen Filmzeitschriften wie „Screen International" oder „Variety" regelmäßig berichtet, während der LUX-Filmpreis in nicht-europäischen Medien kaum Erwähnung findet.
Für den europäischen Binnenmarkt ist die Situation eine andere. Hier hat die EFA eine genuine Marktfunktion: Untersuchungen zeigen, dass EFA-nominierte Filme in europäischen Ländern, in denen sie nicht co-produziert wurden, höhere Verleihchancen haben als vergleichbare Produktionen ohne diese Auszeichnung. Der LUX-Preis schafft ähnliche Effekte, primär jedoch durch den institutionellen Hebel der EU-Institutionen und ihrer Kommunikationskanäle.
Zum Vergleich lohnt ein Blick auf andere europäische Filmauszeichnungen: Während die Berlinale und ihr Goldener Bär eine weltweite Strahlkraft entfalten – mehr dazu in unserem Artikel Berlinale: Die Geschichte des Goldenen Bären seit 1951 –, bleiben EFA und LUX primär innereuropäische Instrumente der Filmförderung und Qualitätssicherung. Das ist keine Schwäche, sondern eine bewusste Positionierung.
Pro und Contra: Eine ehrliche Gegenüberstellung
Wer abwägen möchte, welcher Preis für welchen Kontext mehr Bedeutung hat, sollte die Stärken und Grenzen beider Auszeichnungen nüchtern betrachten:
- EFA – Stärken: Hohe Branchenglaubwürdigkeit, internationale Medienresonanz, breite Kategorienabdeckung, Abstimmung durch Filmschaffende
- EFA – Grenzen: Tendenz zur Konzentration auf westeuropäische Produktionen, weniger systematische Förderung kleinerer Filmnationen
- LUX – Stärken: Untertitelung in alle EU-Amtssprachen als konkretes Förderinstrument, starke zivilgesellschaftliche Verankerung, explizite Förderung gesellschaftlicher Debatten
- LUX – Grenzen: Geringere Branchenanerkennung im engeren Sinne, politische Konnotation kann als Einschränkung wahrgenommen werden, vergleichsweise geringe internationale Sichtbarkeit
Die Frage „Welcher Preis zählt wirklich?" lässt sich nicht pauschal beantworten – sie hängt davon ab, was man unter „zählen" versteht. Für einen Produzenten, der seinen Film international vermarkten möchte, ist ein EFA-Gewinn das wertvollere Signal. Für eine mittelgroße Produktion aus einem kleinen EU-Land, die gesellschaftliche Aufmerksamkeit sucht, kann der LUX-Preis mit seiner Untertitelungsförderung und parlamentarischen Plattform der entscheidendere Hebel sein.
Letztlich ergänzen sich beide Preise mehr, als dass sie konkurrieren. Die EFA setzt den künstlerischen Standard; der LUX-Filmpreis übersetzt diesen Standard in kulturpolitische Praxis. Das europäische Kino braucht beide – eines, das auf cineastische Exzellenz pocht, und eines, das Kino als gesellschaftliches Medium ernst nimmt und strukturell fördert. Wer nur einen der beiden Preise kennt, hat die andere Hälfte der Geschichte noch nicht gelesen.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen der EFA und dem LUX-Filmpreis?
Die European Film Awards (EFA) werden von der European Film Academy vergeben und richten sich primär an künstlerische Exzellenz im europäischen Kino. Der LUX-Filmpreis hingegen wurde ursprünglich gemeinsam vom Europäischen Parlament und der EFA initiiert und legt den Schwerpunkt auf Filme mit gesellschaftspolitischer Relevanz und europäischen Werten. Ein weiterer konkreter Unterschied: Beim LUX werden die nominierten Filme in alle 24 EU-Amtssprachen untertitelt.
Wer stimmt bei den European Film Awards ab?
Bei den EFA stimmen die rund 4.500 Mitglieder der European Film Academy ab – ein breites Netzwerk aus Regisseuren, Produzenten, Schauspielern, Kameraleuten und Filmkritikern aus ganz Europa. Die Abstimmung erfolgt in mehreren Phasen: Zunächst entscheidet eine Jury über die Longlist, danach wählen alle Mitglieder die Nominierten und schließlich die Gewinner.
Welchen praktischen Vorteil hat der LUX-Preis für nominierte Filme?
Der bedeutendste praktische Vorteil des LUX-Filmpreises ist die Untertitelung der drei nominierten Filme in alle 24 Amtssprachen der Europäischen Union – finanziert durch den Preis selbst. Für kleinere Produktionen aus Ländern mit begrenzter internationaler Marktreichweite kann diese Maßnahme eine erhebliche Sichtbarkeitssteigerung bedeuten.
Seit wann existiert der LUX-Filmpreis?
Der LUX-Filmpreis wurde 2007 vom Europäischen Parlament ins Leben gerufen, zunächst in Zusammenarbeit mit der European Film Academy. Im Jahr 2020 wurde das Konzept grundlegend reformiert: Die EFA übernahm eine stärkere Rolle im Auswahlprozess, während das Europäische Parlament als institutioneller Partner bestehen blieb.
Ist die EFA mit dem Oscar vergleichbar?
Die EFA wird oft als europäisches Pendant zum Oscar bezeichnet, da sie cineastische Exzellenz über ein breites Kategoriensystem auszeichnet und von einem Fachgremium – der European Film Academy – vergeben wird. Allerdings ist die internationale Strahlkraft der EFA deutlich geringer als jene des Oscars; innerhalb Europas gilt sie jedoch als wichtiges Qualitätssignal im Filmmarkt.
Können Filme für beide Preise – EFA und LUX – nominiert werden?
Ja, Überschneidungen sind möglich und kommen in der Praxis vor. Da beide Preise im Kernbereich des europäischen Qualitätskinos operieren, wurden in der Vergangenheit einzelne Produktionen sowohl im EFA-Kontext diskutiert als auch für den LUX-Preis nominiert. Die unterschiedlichen Kriterien machen jedoch eine identische Shortlist unwahrscheinlich.
Welcher Preis ist für die internationale Vermarktung eines Films wertvoller?
Für die internationale Vermarktung – insbesondere außerhalb Europas – hat ein EFA-Gewinn in der Regel mehr Gewicht, da der Preis in internationalen Fachmedien wie 'Variety' oder 'Screen International' regelmäßig aufgegriffen wird. Der LUX-Preis entfaltet seine Wirkung stärker innerhalb des EU-Binnenmarkts, insbesondere über die parlamentarische Plattform und die zivilgesellschaftliche Verbreitung.
Welche Länder oder Filmtraditionen profitieren am stärksten vom LUX-Preis?
Der LUX-Preis kommt vor allem Produktionen aus kleineren EU-Ländern zugute, die ohne die Fördermaßnahme – insbesondere die Untertitelung in alle Amtssprachen – kaum europäische Verbreitung fänden. Durch den parlamentarischen Kontext werden diese Filme einem Publikum zugänglich gemacht, das sie über normale Kinovertriebswege nie erreicht hätten.
Hat der LUX-Filmpreis nach der Reform 2020 an Bedeutung gewonnen oder verloren?
Die Reform 2020 wird in der Branche unterschiedlich bewertet. Einerseits hat die stärkere Einbindung der EFA die filmfachliche Glaubwürdigkeit des Preises erhöht. Andererseits verlor der Preis durch die reduzierte parlamentarische Komponente etwas von seiner einzigartigen politischen Verortung, die ihn von anderen Filmpreisen unterschied. Insgesamt wird die Reform als Schritt zur Professionalisierung gesehen.