
Cannes vs. Venedig: Zwei Festivals, zwei Welten
Zwei Bühnen, ein Ziel: Weltklassekino feiern
Wer über die bedeutendsten Filmfestivals der Welt spricht, kommt an zwei Namen schlicht nicht vorbei: Cannes und Venedig. Beide Festivals gelten als Tempel des internationalen Arthouse-Kinos, beide vergeben begehrte Auszeichnungen, und beide ziehen jedes Jahr Tausende von Filmschaffenden, Journalisten und Cineasten an. Und doch sind sie so verschieden wie kaum zwei andere Veranstaltungen im Kulturbetrieb. Wer einmal beide erlebt hat, weiß: Das ist kein Vergleich von Äpfeln mit Äpfeln – das ist eher Äpfel gegen Orangen, und der Geschmack hängt stark davon ab, wen man fragt.
Dieser Artikel nimmt beide Festivals auseinander – historisch, atmosphärisch und kuratorisch. Keine falsche Neutralität: Es gibt echte Unterschiede, und die lassen sich benennen. Wer danach noch Lust auf weitere Festivalentdeckungen hat, findet bei uns auch einen Beitrag über kleine, aber lohnenswerte Filmfestivals in Europa, die abseits des großen Rummels echte Geheimtipps sind.
Geschichte und Gründung: Wer war zuerst?
Die Frage, welches der beiden Festivals älter ist, lässt sich klar beantworten: Venedig. Die Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica – so der offizielle Name der Filmfestspiele von Venedig – wurde 1932 ins Leben gerufen und gilt damit als das älteste Filmfestival der Welt überhaupt. Gegründet wurde sie als Teil der Biennale di Venezia, dem renommierten Kunstfestival, das bis heute die institutionelle Heimat der Filmfestspiele bildet. Die erste Ausgabe fand im Garten des Hotel Excelsior auf dem Lido statt – ein Schauplatz, der bis heute zum Mythos der Veranstaltung gehört.
Cannes hingegen startete erst 1946, also rund 14 Jahre später. Ursprünglich war das Festival bereits für 1939 geplant – als bewusste Gegenveranstaltung zur Mostra, die unter Mussolinis Einfluss stand und den Preis jenem Jahr an einen deutschen und einen italienischen Film vergeben hatte. Kriegsausbruch und Weltgeschichte stoppten das Vorhaben. Nach dem Krieg startete Cannes neu durch und entwickelte sich schnell zum glamourösesten Filmfestival der Welt. Heute ist der rote Teppich der Croisette eines der meistfotografierten Motive im Showbusiness überhaupt.
Was diese unterschiedliche Entstehungsgeschichte bedeutet, spürt man noch heute im Selbstverständnis beider Festivals: Venedig betont Tradition, Kunstnähe und institutionelle Kontinuität. Cannes hingegen inszeniert sich als lebendiges Ereignis, das Glamour und Filmkunst bewusst zusammendenkt – und damit eine globale Medienbühne schafft, die ihresgleichen sucht.
Preise und Wettbewerb: Goldene Palme vs. Goldener Löwe
Der wichtigste Preis in Cannes ist die Palme d'Or – die Goldene Palme. Sie gilt weithin als eine der prestigeträchtigsten Auszeichnungen, die ein Film weltweit gewinnen kann. Gewinner wie „Parasite" (Bong Joon-ho, 2019), „L'Enfant" (Dardenne-Brüder, 2005) oder „Apocalypse Now" (Coppola, 1979) zeigen die enorme Bandbreite dessen, was Cannes auszeichnet. Die Jury wechselt jedes Jahr, besteht traditionell aus sieben bis neun Mitgliedern und wird von einer bekannten Persönlichkeit aus der Filmwelt geleitet.
In Venedig entspricht der Goldene Löwe – Il Leone d'Oro – dieser Königsdisziplin. Auch hier versammelt sich eine internationale Jury, und auch hier sind die Gewinnerlisten eine Art Geschichtsbuch des Weltkinos. Alfonso Cuaróns „Roma" (2018), Ang Lees „Brokeback Mountain" (2005) oder Akira Kurosawas „Rashomon" (1951) gehören zu den berühmtesten Preisträgern. Auffällig: Venedig neigt etwas häufiger dazu, bewusst provokante oder experimentelle Filme zu prämieren – während Cannes einen stärker politischen Reifeprozess durchläuft.
„Cannes macht aus Filmen Ereignisse. Venedig macht aus Ereignissen Kunst." – Eine Beobachtung, die unter Festivalregulars gerne zitiert wird, auch wenn sie zugespitzt ist.
Neben dem Hauptpreis vergeben beide Festivals eine Reihe weiterer Auszeichnungen. Ein kurzer Überblick über die wichtigsten Preiskategorien:
- Cannes – Palme d'Or: Bester Film im Wettbewerb
- Cannes – Grand Prix: Zweithöchste Auszeichnung, oft für mutige Einzelstimmen
- Cannes – Jury-Preis: Für besonders eigenwillige oder ungewöhnliche Werke
- Cannes – Un Certain Regard: Eigene Sektion für mutigere, noch unbekanntere Filmemacher
- Venedig – Goldener Löwe: Bester Film im Wettbewerb
- Venedig – Großer Preis der Jury (Silberner Löwe): Zweithöchste Auszeichnung
- Venedig – Orizzonti-Sektion: Für formell experimentelle und neue Filmsprachen
- Venedig – Venezia Classici: Restaurierte Filmklassiker – eine Sektion, die es in Cannes so nicht gibt
Atmosphäre und Publikum: Roter Teppich vs. Lagunen-Flair
Wer einmal auf der Croisette in Cannes entlanggelaufen ist, weiß: Hier geht es nicht nur ums Kino. Das Festival ist ebenso Modeshow, Networking-Event und Marktplatz. Der Filmmarkt – der Marché du Film – findet parallel zum Festival statt und ist der größte seiner Art weltweit. Händler, Produzenten und Verleiher aus über 100 Ländern schließen hier Deals ab, während auf den Leinwänden Kunstwerke gezeigt werden. Diese Doppelnatur ist Cannes' Stärke und gleichzeitig ein Punkt, an dem manche Puristen die Nase rümpfen.
Venedig spielt dagegen in einer eigenen Liga, was das Ambiente betrifft. Das Festival findet auf dem Lido statt, einer schmalen Insel in der Lagune von Venedig – erreichbar nur per Vaporetto oder Wassertaxi. Dieser geografische Umstand sorgt für eine merkwürdig entrückte Atmosphäre: Man ist von der Stadt abgeschottet, die Massen der Croisette fehlen, und selbst große Stars wirken hier irgendwie zugänglicher. Das Palazzo del Cinema, Hauptspielstätte des Festivals, ist kein moderner Glaspalast, sondern ein Gebäude aus dem Mussolini-Zeitalter – mit all seiner schwerfälligen Schönheit.
Beide Festivals sprechen unterschiedliche Besucher an. Wer glamourös feiern und die Filmindustrie hautnah erleben will, ist in Cannes richtig. Wer eine ruhigere, contemplativere Festivalerfahrung sucht und Kunstkino in einer fast irrealen Kulisse genießen will, wird Venedig lieben. Das ist keine Wertung – es sind schlicht zwei verschiedene Angebote.
Programmphilosophie: Was suchen die Kuratoren?
Die Auswahl der Wettbewerbsfilme ist letztlich das, woran man Festivals wirklich misst. Thierry Frémaux, der langjährige Delegierte Général von Cannes, ist bekannt für seine Vorliebe für auteuristisches Kino mit klarer Handschrift – bevorzugt von etablierten Meistern wie Ken Loach, Michael Haneke oder den Dardenne-Brüdern. Das Programm ist sorgsam kuratiert und oft von einer gewissen Vorhersehbarkeit geprägt: Wer einmal in Cannes war, kommt meistens wieder.
Venedig gilt unter Insidern als etwas risikofreudiger. Der künstlerische Leiter Alberto Barbera hat in den vergangenen Jahren immer wieder überraschende Entscheidungen getroffen – etwa die frühe Entdeckung von Filmen, die später bei der Oscarverleihung reüssierten. Tatsächlich hat sich Venedig in den letzten Jahren als wichtiger Sprungbrett für die Oscar-Saison etabliert. Gewinner oder Premierenfilme aus Venedig landen regelmäßig auf den Shortlists der Academy, darunter „The Shape of Water", „Nomadland" oder „Joker".
Cannes hingegen steht in einem traditionell gespannteren Verhältnis zu Hollywood-Produktionen. Streamingdienste wie Netflix hatten lange Schwierigkeiten, ihre Filme im Wettbewerb zu platzieren, weil Cannes auf einem Kinostart in Frankreich bestand. Venedig ist da pragmatischer – was einerseits Flexibilität bedeutet, andererseits die Frage aufwirft, wie unabhängig die Selektion von Brancheninteressen wirklich ist.
Cannes, Venedig – und der Rest der Festivalwelt
Natürlich existieren Cannes und Venedig nicht im Vakuum. Wer die Festivallandschaft wirklich verstehen will, sollte auch die Berlinale kennen – das dritte große Festival im europäischen Triumvirat. Dort liegt der Fokus traditionell stärker auf politischem und sozial engagiertem Kino. Unsere ausführliche Übersicht über die Berlinale: Sektionen, Preise und Programm erklärt, wie das Berliner Festival aufgebaut ist und was es von seinen Rivalen unterscheidet.
Jenseits der drei großen gibt es eine lebendige Festivallandschaft, die überraschend vielfältig ist. Toronto, Sundance, San Sebastián oder das Tribeca Film Festival haben längst eigene Identitäten entwickelt. Aber auch im direkten Vergleich Cannes vs. Venedig bleibt eines klar: Es gibt kein „besseres" Festival. Cannes ist das lautere Ereignis, das die Branche bewegt und globale Medienaufmerksamkeit erzeugt. Venedig ist das intimere, das gelegentlich mutigere kuratorische Entscheidungen trifft und dabei eine einzigartige Kulisse bietet, die kein anderes Festival der Welt reproduzieren kann.
Beide Festivals haben in den letzten Jahren auch stärker auf Diversität und Repräsentation geachtet – mit unterschiedlichem Erfolg und unterschiedlicher Geschwindigkeit. Cannes wurde lange für die Unterrepräsentation von Regisseurinnen im Wettbewerb kritisiert; Venedig hat in dieser Hinsicht zuletzt etwas mutiger agiert. Das sind Debatten, die beide Festivals noch eine Weile begleiten werden.
Fazit: Was bringt der Vergleich wirklich?
Wer diesen Vergleich sucht, erhofft sich oft eine eindeutige Antwort: Welches Festival ist besser? Die ehrliche Antwort ist: Das hängt davon ab, was man sucht. Als Filmemacher, der internationale Aufmerksamkeit und Branchenzugang will? Cannes. Als Cineast, der Kunstkino in einzigartiger Atmosphäre erleben und vielleicht sogar den nächsten Oscar-Gewinner in seiner Weltpremiere sehen will? Venedig.
Was beide eint, ist die Überzeugung, dass das Kino eine eigene Bühne verdient – eine Bühne, die größer ist als jeder Streamingdienst und jede Couch-Premiere. In einer Zeit, in der Festivals immer wieder um ihre Relevanz kämpfen müssen, bleibt diese gemeinsame Mission ihr stärkstes Argument. Cannes und Venedig sind nicht Konkurrenten, die sich gegenseitig Zuschauer wegnehmen. Sie sind zwei verschiedene Arten zu fragen: Was kann Film sein? Und genau darin liegt ihr Wert.
Häufige Fragen
Welches Filmfestival ist älter – Cannes oder Venedig?
Venedig ist das ältere der beiden Festivals. Die Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica wurde 1932 gegründet und gilt als das älteste Filmfestival der Welt. Cannes startete erst 1946, ursprünglich als Gegenveranstaltung zur politisch beeinflussten Mostra des faschistischen Italiens.
Was ist der Unterschied zwischen der Goldenen Palme und dem Goldenen Löwen?
Beide Preise sind die höchsten Auszeichnungen ihrer jeweiligen Festivals: Die Goldene Palme (Palme d'Or) wird in Cannes vergeben, der Goldene Löwe (Leone d'Oro) in Venedig. In Prestige und internationaler Wahrnehmung stehen sie sich kaum nach – beide gelten als absolute Spitzenauszeichnungen im Weltkino.
Welches Festival ist besser für Oscar-Chancen – Cannes oder Venedig?
Venedig hat sich in den letzten Jahren als besonders effektives Sprungbrett für die Oscar-Saison etabliert. Filme wie „Nomadland“, „Roma“ oder „The Shape of Water“ feierten dort ihre Premiere und gewannen später den Oscar für den besten Film. Cannes hat traditionell ein eher distanziertes Verhältnis zur Oscarsaison.
Kann man als normaler Besucher zu Cannes oder Venedig gehen?
Grundsätzlich ja, aber mit Einschränkungen. In Cannes ist der Zugang zu vielen Vorführungen akkreditierten Branchenmitgliedern und Journalisten vorbehalten; es gibt jedoch öffentliche Screenings und Sondervorstellungen am Strand. In Venedig sind Tickets für viele Vorstellungen für das allgemeine Publikum erhältlich, was das Festival zugänglicher macht.
Warum findet das Venedig Filmfestival auf dem Lido statt?
Der Lido di Venezia, eine schmale Barriereinsel in der Lagune von Venedig, war schon bei der Gründung 1932 der Austragungsort des Festivals. Das Palazzo del Cinema wurde dort in den 1930er-Jahren eigens für das Festival errichtet. Die geografische Isolation des Lido trägt bis heute zur besonderen, fast unwirklichen Atmosphäre des Festivals bei.